ZULAMO

Zukunftslabor urbane Mobilität

[Interview]

„Die Zeit der großen Inno­va­tionen beginnt erst jetzt“

Eric Malitzke ist seit Februar CEO von DPD Deutsch­land. Wohin die Reise der Kep-Branche geht, erzählt er im Inter­view.

von Carla Wester­heide

Herr Malitzke, was wird die Inno­va­tion 2020 in der Kep-Branche sein?

Eric Malitzke: Bei DPD haben wir jetzt beispiels­weise einen Chatbot, der Fragen zur Sendungs­suche von privaten Empfän­gern vorsor­tiert. Das entlastet das Personal. Zukünftig werden wir das Tool unseren Kunden auch in anderen Berei­chen anbieten. Außerdem führen wir ein neues Hand­held für unsere Fahrer ein. Beson­ders toll ist, dass es in vielen Spra­chen verfügbar ist, wofür sich die Kollegen intern in Gruppen zusam­men­ge­setzt haben, um den DPD- und Kuriers­lang zu berück­sich­tigen.

Ein Hand­held haben Fahrer schon jetzt. Was macht dieses inno­vativ?

Mit Hinblick auf den Wett­be­werb möchte ich noch nicht alles erzählen, aber wenn Sie Flug­puder drauf­streuen würden, dann könnte es sogar fliegen. Im Ernst: Das neue Hand­held ist auf wunder­bare Weise auf die Inter­ak­tion zwischen Fahrer und Empfänger zuge­schnitten und wird zum Beispiel auch für Trai­nings der Zusteller genutzt.

Wird Ihnen das einen Vorteil gegen­über dem Wett­be­werb auf dem Arbeits­markt verschaffen?

Ja, so eine tech­ni­sche Lösung hilft den Zustel­lern durchaus und erleich­tert die Arbeit. Das ist am Ende auch ein Stück Employer Bran­ding und trägt zum Erfolg am Arbeits­markt bei. Das ist aber nur ein Element. Es ist unstrittig, dass die Kep-Branche im vergan­genen Jahr heftig in der Kritik stand. Das hilft nicht, hier gibt es noch viel zu tun.

Und wenn man fünf Jahre zurück­blickt? Was war da entschei­dend?

Ich glaube, dass die Zeit der großen Inno­va­tionen erst jetzt richtig begonnen hat. Bei DPD hat man dafür in den letzten fünf Jahren den Boden bereitet, vor allem mit Inno­va­tionen im Bereich der digi­talen Services für den Endver­brau­cher. Es gab also Fort­schritte, aber es sind noch große­ Poten­ziale zu heben.

„Es gibt kein Risiko ohne Chance, umge­kehrt ebenso wenig.“

Sie waren vor ein paar Jahren bei Amazon tätig und haben hinter die Kulissen blicken können. Glauben Sie, dass das Unter­nehmen die Kep-Branche revo­lu­tio­nieren wird?

Das hat Amazon längst gemacht. Amazon ist ein prägendes Unter­nehmen, das die Kep- und Logistik-Branche, den Einzel­handel und auch uns als Konsu­menten verän­dert. Der Online­handel an sich hätte ohne Amazon wahr­schein­lich gar nicht dieses Volumen. Und auch in Sachen Customer Expe­ri­ence haben Sie und ich inzwi­schen ein völlig anderes Verständnis. Ich glaube, dass jeder inzwi­schen verstanden hat, dass Amazon eine gewisse Größe hat, die den Markt voran­treiben und verän­dern wird.

Ist das eine Heraus­for­de­rung oder eine Chance für andere Kep-Dienstleister?

Beides: Wer hier die rich­tigen Schlüsse zieht, wird am Markt künftig noch besser über­zeugen können. Für alle anderen wird es eng.

Personal- und Kompe­tenz­mangel sind weiterhin ein wich­tiges Thema für die gesamte Kep-Branche. Treibt das Ihrer Meinung nach Inves­ti­tionen oder lähmt es Paket­dienste?

Es gibt kein Risiko ohne Chance, umge­kehrt ebenso wenig. Deswegen ist der Kep-Markt auch so inno­vativ. Die Ressourcen sind knapp – und erfolg­reich sind immer dieje­nigen, die diese Heraus­for­de­rung annehmen. Also jene, die nicht nur reagieren, sondern die Themen gestalten­.

Dazu kommen aber noch ­poli­ti­sche Rahmen­be­din­gungen, an die Sie sich halten müssen. Und natür­lich wirt­schaft­liche Unsi­cher­heiten. Hemmt das nicht am Ende die Inno­va­ti­ons­freu­dig­keit?

Ich komme ursprüng­lich aus der Luft­fahrt. Da geht es um Planungs­si­cher­heit über Jahre und Jahr­zehnte. In der Paket­branche dagegen können wir schneller auf neue Entwick­lungen eingehen – auch viel schneller als der Gesetz­geber. Das macht den Kep-Markt so span­nend. Die Unbe­stän­dig­keit und Sprung­haf­tig­keit der Gegen­wart ist ganz einfach das neue Normal.

„Klima­schutz betrachten wir nicht als Hürde, sondern als eine unbedingte­ Notwen­dig­keit.“

Der Klima­schutz wird für die Gesell­schaft und somit auch die Politik immer wich­tiger. Das bedeutet auch für die Kep-Branche, dass sie die Zukunft neu denken muss.

Dazu sage ich ganz klar Nein. Klima­schutz betrachten wir nicht als Hürde, sondern als eine unbedingte­ Notwen­dig­keit. DPD hat beispiels­weise schon vor Jahren ein CO₂-Offsetting für sämt­liche Pakete einge­führt. Und wir tun alles, um Verkehre zu redu­zieren. Hier hilft allein schon eine höhere Erst­zu­stell­rate, die sowohl dem Kunden als auch der Nach­hal­tig­keit zugutekommt­.

Reicht es denn zu sagen, wir erhöhen die Erst­zu­stell­quote, und deswegen sind wir grün?

Keines­wegs. Aber die Einspa­rung unnützer Kilo­meter ist ein wich­tiger Baustein, denn die Macht der großen Zahlen birgt ein riesiges Poten­zial. Darüber hinaus ist selbst­ver­ständ­lich noch mehr notwendig. Das Bewusst­sein für einen konse­quen­teren Klima­schutz ist mitt­ler­weile in der Mitte der Gesell­schaft ange­kommen. Wir sind Teil dieser Gesell­schaft und nehmen unsere Verant­wor­tung wahr. Zum Beispiel durch den verstärkten Einsatz alter­na­tiver Antriebe. Und durch viele weitere Bausteine – denn ein Allheil­mittel gegen den Klima­wandel gibt es nicht.

Es gibt Studien die besagen, dass sich die Zustell­kosten aufgrund des Perso­nal­man­gels bis 2030 verdop­peln werden. Ist da etwas dran?

Mein Vorstel­lungs­ver­mögen reicht weit, aber eine Verdopp­lung bis 2030? Wir werden sehen. Aber keine Frage: Die Zustel­lung wird immer teurer, auch wegen enorm stei­gender Perso­nal­kosten. Und: anderes Lohn­ni­veau – anderes Preis­ni­veau. Unsere Kunden verschließen vor dieser Realität keines­wegs die Augen und haben in den letzten einein­halb Jahren bedeu­tende Preis­stei­ge­rungen akzep­tiert.

Wird es denn die Haustür­zu­stel­lung in der jetzigen Form weiterhin geben?

Ich glaube, dass sich die Alter­na­tiven zur Haustür­zu­stel­lung eman­zi­pieren und etablieren werden. Nach meiner Erfah­rung ist die Haustür­zu­stel­lung keines­wegs immer die bequemste Option. Wenn ich mein Paket gleich an einen Shop oder Locker liefern lasse, kann ich die Abho­lung oft viel besser in meinen Tages­ab­lauf inte­grieren. Wir werden jedoch keine Initia­tive lostreten, nach der es keine Haustür­be­lie­fe­rung mehr gibt. Viel­mehr werden die Alter­na­tiven attrak­tiver und an Bedeu­tung gewinnen.

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