ZULAMO

Zukunftslabor urbane Mobilität

[ITS-Kongress]

Mit Cargo Barge und IT gegen den Verkehrs­kol­laps

Zwei Modell­pro­jekte in Hamburg sollen die Verkehrs­si­tua­tion entlasten und unnö­tige Trans­porte vermeiden. Die Logistik-Initiative Hamburg hat die Vorhaben ange­stoßen.

von Robert Kümmerlen

Der Verkehr steht. Es ist Mitt­woch­morgen 10.30 Uhr in Hamburg, und auf der B5 quält sich der Verkehr im Schne­cken­tempo stadt­ein­wärts. Die Haupt­ver­kehrs­achse trägt jeden Tag eine Haupt­last an Personen- und Güter­ver­kehr. Zähflie­ßender Verkehr und Staus gehören fast täglich zum Stadt­bild. Baustellen verschärfen die Lage oft zusätz­lich.

Kaum mehr als einen Stein­wurf entfernt fließt die Bille und verläuft der Bill­brook­kanal. Auf dem Wasserweg ist nichts los. Allen­falls ein paar Paddler fahren hin und wieder mal in dem Gebiet. Auf dem Kanal gilt: freie Fahrt. Warum ihn also nicht mit einem spezi­ellen Binnen­schiff für den Güter­trans­port nutzen?

Das fragte sich auch Hans Stapel­feldt. Er ist bei der Logistik-Initiative Hamburg Netz­werk­ma­nager für den ITS-Weltkongress, der im Oktober 2021 in der Hanse­stadt statt­findet. Dabei wird es um neueste Entwick­lungen bei intel­li­genten Verkehrs- und Trans­port­sys­temen (ITS) gehen. Stapel­feldt hat das Projekt „Water Cargo Barge“ (WaCaBa) ins Leben gerufen. Zusammen mit Unter­nehmen, die in den Stadt­teilen Hammer­brook und Bill­brook ansässig sind, hat er sich Gedanken gemacht, ob und wie man den Wasserweg nutzen könnte. „Sowohl im B2C- als auch B2B-Segment haben die Unter­nehmen dort Schwie­rig­keiten, Waren anzu­nehmen und abzu­schi­cken“, sagt Stapel­feldt. „Alle betrof­fenen Firmen sind der Meinung, dass es eine deut­liche Verbes­se­rung bei der Versor­gung wäre, wenn sie den Wasserweg nutzen könnten.“ Also wurde Stapel­feldt gebeten, daraus ein Konzept zu entwi­ckeln.

Die Stadt Hamburg fand das eben­falls eine „tolle Idee“, wie der Netz­werk­ma­nager erzählt. Zumal der ITS-Weltkongress verschie­dene inter­mo­dale Bereiche abdecke, die Hanse­stadt aber bei der Nutzung von Binnen­was­ser­straßen noch relativ blank dastehe. „Viele Besu­cher wollen sicher­lich sehen, wie die Stadt Logistik wasser­seitig abbildet.“ Stapel­feldt hat zwei Quar­tiere iden­ti­fi­ziert, in denen die Straßen stark belastet sind, und die Unter­nehmen entspre­chend einen hohen Druck bei den Liefer­ver­kehren haben. Das sei Voraus­set­zung, betont Stapel­feldt, um aus der Idee, die Wasser­straße zu nutzen, ein Geschäfts­mo­dell zu machen.


Pendel­ver­kehr
geplant

Um die Mach­bar­keit des Vorha­bens zu prüfen, müssen zunächst Infor­ma­tionen und Daten gesam­melt werden über die Erreich­bar­keit von poten­zi­ellen Anle­ge­stellen, Wasser­tiefen und Tiden­ab­hän­gig­keit. Darüber hinaus soll ein Test­lauf weiteren Aufschluss geben. Als Trans­port­mittel soll eine Cargo-Barge im Pendel­ver­kehr dienen. Das Schiff soll über ein modu­lares Boxsystem verfügen. Mehrere Unter­nehmen könnten es rund um die Uhr für den Güter­trans­port zwischen den beiden Stadt­teilen nutzen. An der Quelle werden die Güter in Micro-Hubs auf die Cargo-Barge verladen und am Zielort an Wasser-Hubs wieder entladen. Von dort werden sie besten­falls mit emis­si­ons­freien Fahr­zeugen wie Lasten­fahr­räder oder Elek­tro­fahr­zeuge in den Vier­teln verteilt. „Dabei geht es nicht nur um Kep-Sendungen“, betont Stapel­feldt, „sondern auch um die Ver- und Entsor­gung beispiels­weise des Handels.“ Wichtig für die Akzep­tanz des Projekts dürfte sein, dass die Cargo Barge nicht in Wohn­vier­teln verkehrt. Von den Anle­ge­stellen kann aber durchaus in solche gelie­fert werden.

Die Cargo-Barge soll zunächst ange­mietet werden, so die Idee. Denn um extra eine zu bauen, wie das in den Nieder­landen und Belgien der Fall ist, fehlt das Geld. Zunächst müssen erstmal die Voraus­set­zungen geprüft werden, zum Beispiel, wo die Verlade- und Anle­ge­stellen sind. Sobald das geklärt sei, würden sich auch Kep-Unternehmen für das Projekt inter­es­sieren, ist Stapel­feldt über­zeugt.

Stau gehört zum tägli­chen Stra­ßen­bild. Die Nutzung von Wasser­wegen und bessere Trans­port­pla­nung mittels unter­neh­mens­über­grei­fendem Daten­aus­tausch könnte für Abhilfe sorgen.

Nicht not­wendige
Trans­porte

Ob Spedi­teure, Logis­tik­dienst­leister, Kep-Dienste, Hand­werks­firmen oder Indus­trie und Handel – annäh­rend jedes Unter­nehmen hat seine Abläufe opti­miert. Dabei setzen zwar viele Betriebe auf digi­tale Unter­stüt­zung. Doch noch längst nicht findet ein bran­chen­über­grei­fender Austausch über System- und Unter­neh­mens­grenzen hinweg statt. Eine Folge: Es finden Trans­porte statt, die gar nicht unbe­dingt notwendig wären.

Ein fiktives Beispiel: Ein Unter­nehmen muss Waren für einen Sammel­gut­con­tainer Rich­tung Hafen bringen. Der Dispo­nent geht von einem baldigen Lade­schluss aus. Er ordert einen LKW, der die Waren abholt. Was er viel­leicht nicht weiß ist, dass sich der Lade­schluss verschoben hat, weil das Schiff verspätet ist, oder dass in der Stadt gerade eine Groß­ver­an­stal­tung den Verkehr behin­dert oder auf der Auto­bahn ein Stau ist. Um diese Infor­ma­ti­ons­lü­cken zu schließen, hat die Logis­tikin­itia­tive Hamburg ein weiteres Projekt ins Leben gerufen: „Vernet­zung von Trans­port­sys­temen“ (Vevo­tras).

Betei­ligte an dem Projekt sind zurzeit die Spedi­tion Bursped, der Soft­ware­an­bieter Initions und der Schrau­ben­händler F. Reyher. Sobald das Projekt gestartet ist, „sollen noch viele weitere dazu­kommen“, sagt Stapel­feldt, der auch für dieses Projekt verant­wort­lich ist. „Mit Vevo­tras wollen wir Infor­ma­tionen auf eine Trans­pa­renz­ebene bringen, damit Entschei­dungen nach Prio­rität getroffen werden.“ Eine Palette müsse nicht zwin­gend heute gefahren werden, wenn das Schiff, für das sie bestimmt sei, erst morgen Lade­schluss habe. „Besser ist, sich auf die Trans­porte zu konzen­trieren, die tatsäch­lich im Moment wichtig sind, weil sie produk­ti­ons­re­le­vant sind“, sagt Stapel­feldt.


Digi­tale
Logistik­plattform

Bei der Stadt Hamburg wurde ein Förder­an­trag für das Projekt gestellt. Es soll eine Platt­form entstehen, auf die auch Daten der Stadt einfließen, eine so genannte „Urban Data Plat­form“. Jeder Teil­nehmer soll da seine Infor­ma­tionen anony­mi­siert rein­geben und das abrufen können, was für ihn rele­vant ist. Hersteller geben Ände­rungen von Produk­ti­ons­zeiten an, der Hafen aktu­elle Zeiten für Lade­schlüsse. Die Stadt Hamburg wird Betrei­berin dieser digi­talen Logis­tik­platt­form sein. Die Firma Initions stellt die Anbin­dung zu den Unter­nehmen her.

Momentan werden weitere Unter­nehmen gesucht, die sich an dem Projekt betei­ligen und Infor­ma­tionen zur Verfü­gung stellen. So könnte der Soft­ware­an­bieter Dakosy, der das Port Commu­nity System für den Hamburger Hafen betreibt, Daten über Schiffs­an­künfte und Abfahrten einspielen. Das Ziel von Vevo­tras sind dyna­mi­sche Dispo­si­ti­ons­ent­schei­dungen und weniger unnö­tige Touren oder Leer­fahrten. „Es ist nicht die Absicht, den inter­mo­dalen Mix zu verän­dern“, betont Stapel­feldt, „sondern die Trans­pa­renz maximal zu erhöhen und Trans­porte zu konso­li­dieren.“ Darin liege ein großes unge­nutztes Poten­zial. Er schätzt, dass 10 bis 20 Prozent der Trans­porte unnötig sind.

Vevo­tras soll durch eine effi­zi­en­tere Trans­port­pla­nung und die Vermei­dung unnö­tiger Touren den Stra­ßen­ver­kehr entlasten. Das käme auch der Umwelt zugute, denn der Schad­stoff­aus­stoß würde sich verrin­gern. Darüber hinaus ließen sich in den teil­neh­menden Unter­nehmen die internen Abläufe verbes­sern, was sich bei diesen durch Kosten­sen­kung bemerkbar machen dürfte. Voraus­set­zung dafür ist eine gute und aktu­elle Infor­ma­ti­ons­ver­tei­lung – genau da setzt Vevo­tras an.

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