ZULAMO

Zukunftslabor urbane Mobilität

[E-Mobilität]

Bewe­gung auf Londons Letzter Meile

Stren­gere Umwelt­vor­schriften verlangen nach alter­na­tiven Zustell­kon­zepten. Elek­tro­fahr­zeuge kommen dabei verstärkt zum Einsatz – aber auch multi­modale Lösungen mit Zustel­lern, die zu Fuß an den Autos vorbei­ziehen.

von Claudia Wanner
Jörg Hofmann hat Großes vor. „Wir schaffen hier ein neues Fahr­zeug­seg­ment“, sagt der Vorstands­chef von LEVC über den elek­tri­schen Liefer­wagen, den die briti­sche Tochter des chine­si­schen Auto­bauers Geely ab Herbst 2020 anbieten wird. Das Beson­dere an dem Eintonner, der optisch dem knub­be­ligen schwarzen Londoner Taxi nach­emp­funden ist, ist die Reich­weite. Mit 600 km liegt sie deut­lich über bisher verfüg­baren Elek­tro­lie­fer­wagen wie dem Streets­cooter der Deut­schen Post oder dem E‑NV200 aus dem Hause ­Nissan, die mit einer Batte­rie­la­dung zwischen 200 und 300 km weit kommen.

Möglich ist diese maxi­male Entfer­nung nicht ausschließ­lich im Elek­tro­be­trieb, räumt Hofmann ein, der LEVC seit Februar 2019 leitet. Ange­trieben wird das Fahr­zeug über eine Lithium-Ionen-Batterie an der Hinter­achse. Im reinen Elek­tro­be­trieb schafft das Fahr­zeug nur 130 km und hinkt in diesem Punkt der Konkur­renz hinterher. Zusätz­lich hat es einen kleinen Verbren­nungs­motor, der auf längeren Stre­cken die Batterie aufladen kann. Diesen soge­nannten „Range Extender“ testet LEVC seit einein­halb Jahren erfolg­reich in den Taxis.


Ein Van für in und
vor der Stadt

Nicht nur für die letzte Meile sei der Van die rich­tige Lösung, sondern auch für Fahrten vom Distri­bu­ti­ons­zen­trum in die Innen­städte, erläu­tert der frühere Audi-Manager. Über Land wird der Motor zuge­schaltet, in Innen­städten mit immer stren­geren Emis­si­ons­vor­schriften ist der Van sauber unter­wegs. Ein Verkaufs­büro in Frank­furt, das im Sommer eröffnet wird, soll auch den Verkauf auf dem Konti­nent ankur­beln.
Die Zustell­branche steckt in einer Zwick­mühle. Die „Amazo­ni­sie­rung“ des Handels mit einer rasant wach­senden Bedeu­tung von Online­be­stel­lungen beschert den Liefer­diensten und Van-Herstellern rasches Wachstum. Beispiel Groß­bri­tan­nien: Dort sind heute nach Angaben des Auto­mo­bil­ver­bandes SMMT 4,6 Mio. Liefer­wagen unter­wegs, 59 Prozent mehr als im Jahr 2000 – ein fast doppelt so starkes Wachstum wie bei Perso­nen­wagen. Immer noch wächst der Online­handel allein im Hotspot London mit Raten von zuletzt 12,5 Prozent im Jahr.

Gleich­zeitig werden aber wegen des Klima­wan­dels die Abgas­vor­schriften immer weiter verschärft. Auch verstopften Straßen begegnen Metro­polen mit strik­teren Regeln. London hat 2003 eine Stau­ab­gabe in der Innen­stadt einge­führt. Anfang April ist eine Emis­si­ons­zu­lage von umge­rechnet 14 EUR am Tag für viele Benziner- und fast alle Diesel-Typen dazu­ge­kommen. Last­kraft­wagen zahlen täglich sogar 112 EUR für die Zufahrt zur Innen­stadt.

Experten sind sich einig: Abgas­ver­rin­ge­rung durch Elek­tri­fi­zie­rung ist ein wich­tiger Schritt, genügt aber auf Dauer nicht. Eine wich­tige Rolle bei der Lenkung und Redu­zie­rung von Verkehr spielt die Regu­lie­rung. Trans­port for London (TfL), die Behörde, die für sämt­li­chen Verkehr in der Metro­pole im Groß­raum zuständig ist, sei ein gutes Beispiel, sagt Agustín Martín, Chef von Toyota Connected in Europa, einer Tochter des japa­ni­schen Auto­kon­zerns. Die Stadt verfolge eine lang­fris­tige Verkehrs­stra­tegie, die über poli­ti­sche Zyklen hinaus­gehe. „Da wurde mir direkt gesagt: ‚Wenn Sie hier sind, um mehr Fahr­zeuge auf die Straße zu bringen, können Sie wieder gehen‘.“

Das LEVC-Fahrzeug wird im Beisein von Londons Bürger­meister Sadiq Khan enthüllt. Mitt­ler­weile ist es auf den Straßen Londons im Einsatz.
So sieht die multi­modale Zustel­lungs­lö­sung von Ford Mobi­lity aus.

Neue
Ansätze

Ford Mobi­lity hat eine weitere Alter­na­tive zur Verkehrs­re­du­zie­rung getestet. Die Tochter des US-Autoherstellers hat eine Soft­ware entwi­ckelt, die eine multi­modale Zustel­lung plant. Diese wurde zusammen mit dem Zustell­dienst Gnewt getestet, der komplett auf elek­tri­sche Fahr­zeuge setzt. „Es haben jeweils ein Fahrer und sechs Zusteller, die zu Fuß unter­wegs sind, zusam­men­ge­ar­beitet“, erläu­tert Tom Thompson, der für das Projekt zuständig ist.

Die Soft­ware hilft beim der Sortieren der Sendungen und der Routen­pla­nung. Die Pakete werden in großen Taschen mit Rollen verstaut, welche die Zusteller beim Treffen mit dem Liefer­fahr­zeug in Empfang nehmen. Über­große und schwere Pakete liefert der Fahrer direkt aus.
„Diese Gruppe hat die Arbeit erle­digt, für die sonst vier bis fünf Vans nötig sind“, sagt Thompson. „Und das können wir wahr­schein­lich sogar noch besser machen.“ Die Soft­ware werde jetzt weiter­ent­wi­ckelt, um auch Fahr­räder und Elek­troroller einzu­be­ziehen. Eines Tages könnten auch Drohnen oder selbst­fah­rende Fahr­zeuge dazu­kommen.

Die Zustel­lung zu zentralen Abhol­punkten, in Super­märkten, Zeit­schrif­ten­läden oder an Schließ­fä­chern ist ein weiteres Modell, um Liefer­fahrten zu redu­zieren. TfL versucht gezielt, Verbrau­cher und Händler von den Vorteilen von „Click and Collect“-Lösungen zu über­zeugen und wird selbst Flächen für Pack­sta­tionen bereit­stellen, etwa in U‑Bahn-Stationen. Trotzdem entscheiden sich 88 Prozent der Verbrau­cher weiterhin für eine Liefe­rung nach Hause, sagt Tim Robinson, Chef des Packstation-Anbieters Doddle.

Die Super­markt­kette Sainsbury’s und der Möbel­händler Ikea expe­ri­men­tieren in der briti­schen Haupt­stadt derweil mit elek­tri­schen Last­fahr­rä­dern, um die Kosten der Ultra Low Emis­sion Zone zu umgehen. Kran­ken­häuser in der Innen­stadt nutzen Fahr­räder mit Kühl­funk­tion für den Trans­port von Blut- und Gewe­be­proben in die ausge­la­gerte Patho­logie. DPD stellt seine Zulie­fe­rung in der Londoner Innen­stadt komplett auf kleine Elek­tro­fahr­zeuge um. Acht Mikro­de­pots entstehen in der Stadt, die ersten sind seit vergan­genem Herbst in Betrieb.

Einige dieser Alter­na­tiven bieten Vorteile über die Umwelt­ef­fekte hinaus. Die Träger, die für den Modell­ver­such einge­stellt wurden, seien mit ihrem Job grund­sätz­lich sehr zufrieden gewesen, sagt Thompson von Ford. „Und sie können ganz anders mit Stoß­zeiten umgehen. Dem Stress eines Fahrers im Stau sind sie nicht ausge­setzt.“ Schließ­lich marschieren sie an den stehenden Autos einfach vorbei

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